Disclaimer: Die in den Berichten geteilten Meinungen, sowie verwendete Praktiken sagen nichts über meine persönlichen Ansichten zu bestimmten Themen aus.

Eine Hausgeburt mit Glückshaube

Ich möchte zunächst damit beginnen, dass die Geburt tatsächlich etwas anders war, als ich mir vorgestellt hatte. Nicht im negativen Sinne. Aber nachdem ich das für mich selbst eingeordnet habe, möchte ich das gern weitergeben und erklären warum.

Meine Vorstellung von Hausgeburt:

Mentale Geburtsvorbereitung, Meditation, Yoga, Übungen und Positionen, einen Geburtspool zur Verfügung – die Geburt wird entspannt, sanft, schmerzfrei bis extatisch. Ich im Wasser, langsam, genussvoll schiebe mein Baby nach und nach auf die Welt.

Die Realität ist eine ganz andere, nicht negativere Art von Geburt aber eben anders als die Erwartungen. Geburt ist Transformation und ich glaube, dass wir genau die Art von Geburt bekommen, die wir brauchen, um uns in eine neue Frau, neue Mutter zu verwandeln. Die Art, die unser Kind wählt, um geboren zu werden. Die Art, die uns alle Emotionen aus der Schwangerschaft noch einmal durchleben und damit abschließen lässt. Und das funktioniert besonders gut, wenn von außen nicht eingegriffen wird. Je mehr wir für uns sind, umso intensiver ist der Prozess.

24.05.2023 – nachmittags

Auf meinem Spaziergang allein spüre ich das erste Mal ein Ziehen im Unterleib, welches mich innehalten lässt. Das fühlt sich anders an als eine Übungswehe. Dieses Ziehen habe ich nochmal, als ich später mit meiner Mutter telefoniere. Dann nochmal beim Kaffeetisch mit meinem Mann. Die Kinder sind noch bei Oma und Opa, wie immer, mittwochs.

18:00 Uhr

Wir beschließen, die Gunst der Stunde noch mal mit etwas Zweisamkeit zu nutzen, vielleicht bringt es ja was (Öl ins Feuer gießen…). Ab da wird das Ziehen regelmäßiger und kommt in etwa alle 10 Minuten.

19:00 Uhr

Mein Mann holt die Kinder von Oma ab, zu Fuß, es sind nur 300m. Ich begleite ihn, gehe aber nicht mit rein, sondern spaziere eine kleine Runde und gehe dann schon mal wieder nach Hause. Das Ziehen im Bauch ist immer noch da. Ich beschließe, jetzt gleich einmal in die Wanne zu hüpfen, um zu testen, ob es diesmal bleibt. Am Montag war es ja nach dem Baden wieder weg gegangen… Diesmal bleibt es und es kommt alle 6 Minuten… Beim Tracken fällt mir das Handy ins Wasser. iPhones sind doch wasserdicht? Es funktioniert zunächst noch, hat aber eine Macke…

20:15 Uhr

Mein Mann kommt endlich mit den Jungs nach Hause und ich steige aus der Wanne. Während wir die Kinder fertig machen, verringern sich die Abstände. Es ist sehr trubelig, trotzdem bleiben die Wehen und werden intensiver. Ich kann den Kindern bereits nicht mehr in der Wehe antworten. Bin aber immer noch überzeugt, es ist ein Fehlalarm. Ich bespreche kurz mit meinem Mann, ob wir die Jungs trotzdem lieber noch schnell zu meiner Mutter bringen und sie gleich dort schlafen. Ich rufe sie kurz an, sie wäre bereit, die Kinder weigern sich aber. Okay, also legen wir sie hier ins Bett. Ist ja eh nur ein Fehlalarm…

21:00 Uhr

Endlich liegen alle 3 (Mann und Kinder) im Bett und ich habe kurz meine Ruhe um in mich zu gehen. Die Abstände sind bei 2-3 Minuten. Ich muss veratmen aber zwischendurch bin ich noch sehr gut drauf und handlungsfähig.

21:30 Uhr

Ich beschließe, die Hebamme zumindest einmal vorzuwarnen. Ich rufe sie an, sage ihr auch gleich dass mein Handy irgendwie kaputt ist… Sie fragt ob sie sich schon auf den Weg machen soll. Ich verneine, ich will noch abwarten, ob es nicht doch ein Fehlalarm ist. Sie bietet an, los zu fahren, da die Frauen sich in der Regel besser fallen lassen können, wenn sie da ist. Aber ich sage, warte lieber noch. Ich möchte nicht, dass sie den weiten Weg (ca. 40 min) umsonst auf sich nimmt. Außerdem spüre ich die Wehen primär im Rücken… Irgendwie unangenehm. Nach dem Telefonat rede ich laut mit dem Baby, dass ich mich ja so freuen würde, wenn es sich nun wirklich auf den Weg macht.

21:45 Uhr

Mein Mann kommt von der Einschlafbegleitung zurück. Alle Kinder schlafen tief und fest – sehr gut. Ich probiere verschiedene Positionen aus. Im Vierfüßler mit Becken hoch vergrößern sich die Abstände. Ich sage zu meinem Mann „Siehst du, ist nur ein Fehlalarm, gleich sind sie bestimmt wieder weg.“ Außerdem ist noch keine Fruchtblase geplatzt und ich hatte noch keine Zeichnungsblutung. Mir fällt mein kaputtes Handy ein. Er speichert sich noch schnell die Nummer der Hebamme bei sich ein, zum Glück, denn kurz darauf gibt mein Handy ganz den Geist auf.

22:00 Uhr

Ich horche in mich hinein und frage mich, was das Ganze nun ist. Ich kann nicht so richtig entspannen und los lassen, weil ich immer noch denke, es ist ein Fehlalarm. Das teile ich meinem Mann mit. Dieser sagt, er glaubt nicht, dass es ein Fehlalarm ist. Ich solle ruhig los lassen.

Ich wehe im Stehen weiter – sofort gehen die Abstände wieder auf 2 Minuten runter. Es lag wohl an der Position. Mein Mann fragt, ob er den Pool schon mal aufbauen soll. Ich verneine, ist doch noch Zeit.

Außerdem muss ich aufs Klo. Danach spüre ich die Wehen auch nicht mehr im Rücken, sondern im Bauch. So soll das sein – wesentlich angenehmer.

22:30 Uhr

Ich habe die optimale Position gefunden – in der Wehe stütze ich mich auf unseren Esstisch, zwischendurch laufe ich beckenkreisend durchs Wohnzimmer. Langsam muss ich vertönen… Wenn man schon vertönen muss, ist es kein Fehlalarm, oder?

23:00 Uhr

Mein Mann fängt an, den Pool aufzubauen. Die Hebamme hält mit ihm Kontakt über WhatsApp und fragt ihn, ob sie nun los fahren soll oder ins Bett gehen kann. Er gibt die Frage an mich weiter, aber ich bin nicht mehr entscheidungsfähig. Also nimmt er das Zepter in die Hand – zum Glück – und gibt der Hebamme das Go loszufahren – keine Minute zu spät.

23:15 Uhr

Ich muss schon wieder auf Toilette. Mein Körper spielt total verrückt. Alles entleert sich und die Wehen kommen nun fast ununterbrochen angerollt. Irgendwie muss ich doch von dem Klo wieder runter kommen. Die Wehen sind nun super intensiv, im Sitzen kaum auszuhalten. Wenn eine Wehe kommt, stehe ich auf und stütze mich auf die kleine Bank auf, die vor der Toilette steht. Sie sind super intensiv und ja, wirklich schmerzhaft. Das fühlt sich an wie Übergangsphase. Ich konzentriere mich auf die Atmung, um es irgendwie auszuhalten. In einer der kurzen Pausen fällt mein Blick auf die Uhr.

23:30 Uhr

Ich denke: Ob die Kleine es wohl heute noch schafft?

Irgendwie schaffe ich es vom Klo zum Waschbecken. Die nächste Wehe kommt, ich spüre schon langsam den Druck nach unten. In der Pause husche ich schnell durch den Flur, nicht dass im Flur eine Wehe kommt und ich die Kinder mit meinem lauten Tönen wecke.

23:37 Uhr

Ich komme ins Wohnzimmer. Der Pool steht aber das Wasser ist erst bodenbedeckt und es ist gerade niemand hier. Ich denke: Mein Mann lässt sicher gerade die Hebamme rein. Da höre ich auch schon ihre Stimmen im Flur. Ich begrüße sie mit „Gut, dass du da bist.“, da rollt auch schon die nächste Wehe heran. Ich schaue kurz, wo ich mich niederlassen kann. Der Pool nimmt so viel Platz ein, also knie ich mich vors Sofa. Nach der Wehe sage ich zur Hebamme „Es drückt schon ganz schön.“ Sie antwortet „Ja, das ist doch gut.“ und macht den sehr lauten Fön an, um den letzten Ring vom Pool aufzublasen. Ich denke kurz „Warum tut sie das?“, da kommt sie auch schon, die erste Presswehe.

23:40 Uhr

Sie kommt mit aller Macht. Ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper und mir bleibt nichts anderes übrig, als mich ihm hinzugeben. Das Wissen, dass die Hebamme da ist, gibt mir Sicherheit und ich lasse vollends los. Jetzt erst erkennt auch sie den Ernst der Lage und zieht mir die Hose runter. Mein Mann schmeißt schnell ein paar Unterlagen zwischen meine Beine. Ich merke, wie der Kopf sich unaufhaltsam seinen Weg nach draußen bahnt. „Langsam, langsam!“ höre ich von der Hebamme. Aber ich kann es nicht aufhalten, der Schmerz ist zu groß, es geht zu schnell. Mit dieser einen, laaangen Presswehe ist der Kopf geboren. Aber der Schmerz ist weiterhin da. Ich fasse nach unten an das Köpfchen. Es fühlt sich anders an als erwartet, so glatt… Da kommt zum Glück auch schon die nächste Wehe.

23:41 Uhr

Mein Mädchen ist geboren! Sie wird mir zwischen meinen Beinen durch gereicht und ich nehme sie an mich. Sie meckert kurz und schaut uns dann mit großen, wachen Augen aufmerksam an. Unbeschreiblich.

Sie erzählen mir, dass sie eine Glückshaube auf hatte, der Kopf ist in der intakten Fruchtblase geboren. Deswegen hat er sich auch so glatt angefühlt. Die Hebamme – sehr multitaskingfähig – hat sogar noch ein Foto davon gemacht, weil das doch recht selten vorkommt.

2 Minuten später kommt mein Mittlerer rein. Wir laden ihn ein, gucken zu kommen, seine Schwester zu begrüßen aber er ist total schlaftrunken und hält lieber Abstand.

Plötzlich merke ich, immer noch auf dem Fußboden knieend, wieder einen leichten Druck. Es macht flutscht und mit einem kleinen Schwall Blut kommt die Plazenta hinterher. Keine 5 Minuten nach dem Baby.

Hausgeburt mit Glückshaube

Einfach so. Da macht man extra eine Hausgeburt, um die Nabelschnur lange auspulsieren zu lassen und dann sowas! Aber alles gut, dann ist das wenigstens erledigt. Baby und Plazenta lassen wir trotzdem noch verbunden, weil wir noch Fotos davon machen wollen.

Mir fangen langsam an die Knie weh zu tun und wir ziehen aufs Sofa um. Mein Mittlerer ist mittlerweile wieder von alleine ins Bett gegangen. War ihm wohl alles nicht geheuer.

Wir machen es uns auf dem Sofa gemütlich. Wow, das war eine Reise. Nun kommen wir an. Es ist eine super entspannte Atmosphäre. Nachdem die Fotos gemacht sind, nabeln wir ab. Ich lege sie zum ersten Mal an, sie hat noch etwas Fruchtwasser in der Nase und bekommt deshalb beim Trinken schlecht Luft. Mein Mann saugt die Nase sanft mit seinem Mund ab und nach ein paar Mal Niesen ist auch der Rest Fruchtwasser raus. Die U1 findet direkt neben mir auf dem Sofa statt und später schaut die Hebamme noch nach eventuellen Geburtsverletzungen. Keine vorhanden. Gegen 2 Uhr tritt sie den Heimweg an. Wir kuscheln noch bis 4 auf dem Sofa. Dann ziehen wir ins Bett um. Die Kinder sind nun gerade beide wach und begrüßen ihre Schwester. Dann schlafen alle noch eine Runde, außer mir. Ich bin noch viel zu aufgedreht.

Nachtrag:

Ich habe die Geburt entgegen meines Erwartens alles andere als „sanft“ oder „slow“ empfunden. Sie war schmerzhaft, intensiv, roh, wild, laut, urgewaltig. Und trotzdem wunderschön und so natürlich wie es nur sein kann. Kein CTG, keine Muttermundskontrolle, keine Medikamente, kein Manipulieren, kein Gedöns. Einfach nur Hingabe, Loslassen, den Körper machen lassen. In einer unglaublichen, immer wieder faszinierenden Intensität. Das ist Geburt!

Dieser Geburtsbericht wurde anonym eingereicht. Vielen Dank für’s Teilen! 

Du möchtest deinen Geburtsbericht ebenfalls teilen? Melde dich hier.

Teile diesen Artikel

Facebook
Twitter
Pinterest
Telegram

Möchtest du dein Baby selbstbestimmt und angstfrei zur Welt bringen und für jede Situation während der Geburt gewappnet sein?

Dann ist dieses Buch für dich

Mythos oder Fakt?

Was sind ECHTE Gefahren während der Geburt und was nicht?

Zahlen, Fakten, Ursachen & Lösungen zu den häufigsten Komplikationen

Für eine selbstbestimmte Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett.

Hole dir deine Affirmationskarten & Meditationen

Weitere Artikel findest du hier: