
Eine wunderschöne Hausgeburt in 90 Minuten
Mit der nächsten Welle platzte die Fruchtblase, ab da war mir endgültig klar, dass das ganze viel schneller gehen würde als gedacht und ich wies meinen Mann an, die Hebamme noch einmal anzurufen.
Die Frage “Alleingeburt, oder nicht?” stellte sich mir eigentlich nie. Als ich im Herbst 2020 den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt waren wir gerade in Quito, Ecuador angekommen. Unser Plan war es, eine Weile das Land zu erkunden und herauszufinden, ob es sich als zukünftiges Zuhause eignet.
Wir waren also komplett fremd in dem Land und konnten bis dato nahezu kein Spanisch sprechen. Eine Hebamme oder Doula zu finden, mit der ich mich also hätte unterhalten können, wäre sowieso sehr, sehr schwierig gewesen. Ich hatte den Gedanken einmal ganz kurz, nach einer Hebamme zu suchen, aber gab ihn anschließend gleich wieder auf. Irgendetwas in mir spürte, dass ich bei diesem intimen Moment einfach niemand Fremdes dabeihaben wollte.
Und so bereitete ich mich und meinen Mann einfach selbst vor. Ich hatte von Anfang an wirklich tiefes Vertrauen in mich selbst, in mein Baby und in die Geburt. Ich nenne es gern Urvertrauen und zwar deswegen, weil ich in meinem Leben vorher nie mit einer Geburt in Berührung gekommen bin. Ich wusste wirklich kaum etwas darüber. Alles was ich wusste war, dass der Körper einer Frau dazu gemacht ist zu gebären; das war mir einfach klar, es erschien so logisch. Eine gesunde Skepsis am System hat dann wahrscheinlich ihr Übriges getan und uns auf den Weg der Alleingeburt gebracht.
Als wir dann auf das Holzhäuschen am Rande des Regenwaldes stießen, welches am Hang eines Berges stand und nur über eine Fußgängerbrücke über den Fluss erreichbar war, war mir sehr schnell klar: Hier möchte ich gebären.
Es war ein leicht kühler Morgen am Rande des ecuadorianischen Regenwaldes, als die Helligkeit des Tages und meine volle Blase mich früher als gewöhnlich aus dem Schlaf holten.
Es war der Morgen des 1. Juli 2021.
Ich stieg aus dem Bett und fühlte mich, wie an jedem anderen Morgen meiner Schwangerschaft (abgesehen von den ersten 3 Monaten), sehr gut.
Ich ging auf die Toilette und zu meiner Überraschung hatte ich etwas Blut in meinem Slip. ”Bloody Show” schoss es mir sofort durch den Kopf. Und dann dachte ich “Ok, es geht bald los, wow.“
Ich ging ganz aufgeregt zurück in unser Übergangsschlafzimmer, um meinen Mann zu wecken. Ich schaute ihn an und sagte: „Stell dich darauf ein, dass du ganz bald Papa wirst.“ und grinste.
Nachdem ich ihm von der Zeichnungsblutung erzählt und ihm auch erklärt habe, dass es jetzt nicht sofort losgehen muss, sondern auch noch ein paar Tage dauern kann, begannen wir wie gewohnt unseren Morgen.
Ich war an diesem Tag bei 39+5 und wir waren noch mitten in den Renovierungsarbeiten. Unser Schlafzimmer war definitiv weit davon entfernt, das perfekte Geburtszimmer zu sein. Es war noch so staubig von den Bauarbeiten und es standen unzählige Dinge darin, die dort nicht hingehörten.
Mit den Vorzeichen vom Morgen und den ersten leichten Wehen einige Stunden nach dem Aufstehen, setzte mein Nestinstinkt ungebremst ein.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich die letzten Möbel abschliff, wie ich Regale abstaubte, Möbel schob und dekorierte – den ganzen Tag!
All’ das war wirklich nicht perfekt, denn es hat mich echt gestresst. Aber ich wollte unbedingt ein gemütliches Zimmer haben, in dem ich es mir so schön machen konnte, wie man es sich eben in einem Holzhaus im Regenwald schön machen kann.
Um etwa 20 Uhr – ich erinnere mich noch genau – als ich das letzte Bild an die Wand hing, kam die erste sehr deutliche Wehe.
Wenigstens war unser Schlafzimmer zu diesem Zeitpunkt gemütlich genug, sodass ich mich der bevorstehenden Geburt hingeben konnte.
Ich duschte und versuchte zu schlafen um Energie zu sparen für das, was die nächsten Stunden auf mich zukommen würde.
Ich war nun recht entspannt und fühlte mich gut vorbereitet. Im Nachhinein weiß ich aber, dass ich noch ganz viel Raum nach oben gehabt hätte, um noch besser auf einige Momente vorbereitet zu sein, dazu später mehr.
Ich legte mich also zu meinem Mann ins Bett und versuchte zu schlafen. Wir lagen noch im Übergangsschlafzimmer, sodass ich, sobald ich mich danach fühlte, in unser neues, nun gemütliches Schlafzimmer rüber gehen konnte. Ich wollte einen Raum haben, an dem ich ganz allein in aller Ruhe sein kann.
Es ging keine 10 Minuten, da stand ich wieder auf – ich war plötzlich einfach zu nervös und die Wehen, die bereits alle 6-8 Minuten kamen, haben mich zu sehr auf Trab gehalten.
Ich bat meinen Mann, den Pool aufzustellen und alles vorzubereiten. Ich wollte sicher gehen, dass wir, sollte es plötzlich schnell gehen, bereit sind.
Ich zündete Kerzen an. Draußen vor den Fenstern lag der dunkle, aber niemals ruhende Regenwald.
Dann stieg ich in den warmen Pool.
Die Wehen kamen recht gleichmäßig alle 4-6 Minuten die ganze Nacht. Sie waren sehr erträglich. Wir konnten zwischendurch scherzen, essen, trinken und mein Mann konnte sogar noch etwas schlafen.
Das einzig Anstrengende zu dieser Zeit war die Müdigkeit. Die Wehen waren durchaus stark – ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was stark wirklich bedeutet 🙂 – aber sie waren deutlich da und mussten teilweise veratmet werden.
In den frühen Morgenstunden wurden die Wehen plötzlich schwächer und die Abstände größer.
Ich weiß noch, dass es begann langsam hell zu werden. Es war der Morgen des 2. Juli, der Tag an dem unser Sohn auf die Welt kam.
Das Licht der ersten Sonnenstrahlen erhellte den Raum und ich schlief immer mal wieder kurz zwischen den Wehen ein.
Ich erinnerte mich aus meiner Vorbereitung daran, dass das Nachlassen der Wehen ein Zeichen für eine nicht optimale Kindslage sein kann.
Mit meinem Wissen vom Miles Circuit habe ich mich daraufhin aus dem Pool begeben und 2-3 verschiedene Positionen auf dem Bett ausprobiert.
Ich kann nicht sagen wie lange es dann dauerte, aber gefühlt ging es ganz schnell, bis die Wehen ordentlich an Fahrt aufnahmen und plötzlich sehr intensiv wurden.
Die nächsten Stunden waren extrem. Die Wehen kamen oft und heftig.
Diese heftigen Wehen kamen gefühlt eine ganze Ewigkeit.
Es war extrem schmerzhaft und die Hand meines Mannes hat einiges an Druck aushalten müssen.
Nachdem ich diese starken Wehen, die alle 2-3 Minuten kamen und etwa 1 bis 1.5 Minuten lang dauerten, für gefühlt Stunden ausgehalten hatte (ich weiß wirklich nicht mehr, wie lange es dauerte, aber es war eine ganze Weile), wurde ich unsicher.
Ich fragte mich, wie lange das wohl noch so weitergeht. Gleichermaßen hatte ich aber auch kaum Zeit wirklich zu denken, weil die Wehen kamen und kamen.
Und plötzlich platzte die Fruchtblase. Wow! Ich war so unglaublich erleichtert, denn ich war mir nun wieder sicher, dass es wirklich voran geht. Ich erinnere mich noch, wie eine große Last von mir abfiel, weil sich nun endlich etwas tat. (Mit meinem Wissen jetzt weiß ich, dass jede Wehe vorher nötig war, um dorthin zu kommen. Dass jede Wehe ihren einzigartigen Sinn hatte.)
Etwas später habe ich selbst meinen Muttermund getastet. Ich war so neugierig und wollte wissen, wie weit er wohl geöffnet ist und was genau ich dort spüre. Zu meinem Erstaunen fühlte ich den Kopf unseres Babys. Dieses Gefühl war einfach unbeschreiblich.
Ich war die ganze Zeit auf dem mit Plane und Laken vorbereiteten Bett, im Vierfüßler Stand. Die Wehen waren weiterhin heftig. Extrem heftig. Nie in meinem Leben hätte ich vorher gedacht, dass ich so stark bin.
Ich sah meinen Mann an und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Es fiel ihm in diesen Momenten sichtlich schwer, mich so zu sehen.
Er war die ganze Zeit an meiner Seite und hielt mir die Hand. Und auch wenn seine Traurigkeit für mich in diesem Moment nicht hilfreich war, so habe ich ihn doch als meinen Ruhepol wahrgenommen.
Einige Wehen später präsentierte sich ganz langsam und behutsam der Kopf unseres Babys. Nach etwa 18 Stunden Wehen waren wir endlich auf dem Endspurt. Der Kopf drückte enorm gegen meinen Damm und wir waren beide etwas unschlüssig, ob das so ok ist.
Mit jeder Wehe aber zeigte sich, dass der Kopf den Ausgang suchte und ihn auch fand.
Ehe ich mich versah, war ich im ”Ring of Fire”.
Ich fühlte seinen Kopf ganz langsam herauskommen. Ich ließ meinen Körper die Führung übernehmen. Ich wusste, dass dies der Moment war, um einfach zu atmen. Und Stück für Stück, dehnte sich meine Haut um dem Köpfchen Platz zu machen. Kein Pressen meinerseits war nötig (ich hatte nie den Drang dazu).
Und scheinbar plötzlich war der Kopf geboren.
Ich spürte sofort eine große Erleichterung. Auch physisch war nun das Anstrengendste geschafft. So hing der Kopf nun dort und ich hatte einen Moment zum Durchatmen. Was für ein surrealer Moment!
Die Wehen kamen nun etwas weniger häufig.
Und dann, mit der nächsten Wehe war er draußen. Er flutschte aus mir heraus, in die Hände meines Mannes.
Ich schaute nach unten und sah, dass es ein Junge ist 💙
Wir hatten in der ganzen Schwangerschaft keinerlei Untersuchungen und so war auch das Geschlecht eine Überraschung.
Mein Mann nahm unseren Sohn hoch und gab ihn mir.
Ich sah ihn an und war kurz verunsichert, weil er so ruhig war. „Schläft er, ist alles in Ordnung mit ihm?“ Hörte ich mich denken.
Ich habe ihn genommen und ihm einen kleinen, zarten Hauch ins Gesicht gegeben – und plötzlich war er ganz da. Angekommen in meinen Armen um 13:30 Uhr am 02.07., nach etwa 18 Stunden Wehen.
Ich fragte meinen Mann, ob ich gerissen sei. Er sagte: „Nein, alles ist gut.“ Wow, ich war so glücklich und irgendwie war es aber auch ganz klar für mich. Denn es gab keinen Stress, alles durfte in seiner Zeit passieren.
Ich weiß noch ganz genau, dass es nach der Geburt so war, wie ich es unzählige Male vorher gehört hatte: Sobald das Baby draußen ist, hast du alle Schmerzen vergessen.
Wir machten es uns auf dem Bett gemütlich. Ich hielt unseren Sohn auf meinem nackten Körper, eingehüllt in Handtücher. Die Wärme des Tages war nun deutlich in unserem Zimmer angekommen.
Meine größte Sorge während der Schwangerschaft war die Geburt der Plazenta. Ich hatte Sorge, ob sie wohl von allein kommen und ich stark bluten würde.
Als wir aber dann dort auf dem Bett saßen, war diese Sorge überhaupt nicht mehr da. Ich hielt mein Baby im Arm, ich war so glücklich.
Nach einiger Zeit versuchte ich ihn an die Brust anzulegen, nachdem er signalisiert hatte, dass er etwas trinken möchte.
Ich spürte sofort die berüchtigten Nachwehen, die beim Stillen durch das ausgeschüttete Oxytocin ausgelöst wurden.
Und so kam meine Plazenta um 15 Uhr, also genau 1.5 Stunden nach der Geburt unseres Sohnes mit einer Nachwehe heraus. Wir haben sie mit einer Schale aufgefangen und ich habe sie mir angeschaut. Was für ein großartiges Organ, das so viel leistet.
Ich band die Nabelschnur einige Zentimeter über dem Nabel ab und mein Mann trennte sie anschließend durch. Mein Sohn war nun ganz und gar in dieser Welt angekommen. Losgelöst von dem, was ihm die ganze Schwangerschaft über das Leben ermöglichte. Ich war so unglaublich dankbar.
Und so lagen wir da. Eine kleine Familie mit einem neuen, kleinen aber großen Wunder.
Und auch wenn es während der Geburt Situationen gab, in denen mir die mentale Vorbereitung ganz deutlich gefehlt hat, ich definitiv ziemlich gestresst und ausgelaugt vom Vortag war und ich bei der nächsten Geburt so viel anders machen würde, so war es doch eine wunderschöne Geburt in Selbstbestimmung und Zufriedenheit 🤍
Ohne diese Geburt, wäre ich heute nicht wo ich bin.
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Für eine selbstbestimmte Schwangerschaft, Geburt und das Wochenbett.
Mit der nächsten Welle platzte die Fruchtblase, ab da war mir endgültig klar, dass das ganze viel schneller gehen würde als gedacht und ich wies meinen Mann an, die Hebamme noch einmal anzurufen.
Im Auto wurden die Wehen regelmäßig, sehr intensiv und die Abstände wurden kürzer. Ich veratmete meine Wehen und betete, dass ich es noch bis zu meiner Mama schaffe.
Ich horche in mich hinein und frage mich, was das Ganze nun ist. Ich kann nicht so richtig entspannen und los lassen, weil ich immer noch denke, es ist ein Fehlalarm. Das teile ich meinem Mann mit. Dieser sagt, er glaubt nicht, dass es ein Fehlalarm ist. Ich solle ruhig los lassen.
Ich möchte in die Badewanne. Dort sind die Wehen unverändert stark und ich spüre schon einen großen Drang dich nach unten zu schieben. Während den Wehen muss dein Papa mir das Kreuzbein massieren, ich spüre wie dein Köpfchen da vorbei möchte.
Die meisten Frauen bereiten sich intensiv auf die Geburt vor, vernachlässigen aber die Zeit danach. Das Wochenbett (die ersten Wochen nach der Geburt) ist eine so besondere Zeit.
Ich habe mich in jeder Sekunde wertgeschätzt & ernst genommen gefühlt. Die Entscheidung eine Hausgeburt zu machen war für uns die beste Entscheidung überhaupt.